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Grenznutzenschule

Bezeichnung für die frühe Neoklassik, deren Lehrsystem auf dem durch William Stanley Jevons, Carl Menger und Léon Walras in den frühen 70er Jahren des 19. Jh. formulierten Grenznutzenbegriff aufbaut und damit der Wert- und Preistheorie eine subjektivistische Grundlage gibt. Die wegen offensichtlicher Schwächen der Arbeitswertlehre vollzogene Abwendung von der Klassik wird als "Revolution" empfunden, obwohl nicht nur in der Klassik selbst (zumindest bei einigen ihrer Vertreter), sondern auch bereits wesentlich früher beachtliches subjektivistisches Gedankengut zu finden ist. Ausserdem hat Hermann Heinrich Gossen schon einige Jahrzehnte früher zentrale Ideen der Grenznutzenschule vorweggenommen (Gossensche Gesetze), ohne allerdings einen Durchbruch zuschaffen oder gar schulbildend zu wirken wie die Neoklassiker. Den Begründern der Grenznutzenschule gemeinsam ist die Vorstellung, dass die Nutzeneinschätzungen der Verbraucher Ursache und Bestimmungsgrund für Wert und Tauschwert eines Gutes sind, wobei dem Nutzen der zuletzt verbrauchten Einheit ( Grenznutzen) insofern eine besondere Bedeutung zukommt, als er auch den Wert der übrigen verbrauchten Einheiten bestimmt. Mit diesem Einstieg gelingt es den Grenznutzentheoretikern, nicht nur das Wertparadoxon der Klassiker aufzuheben, sondern auch die Wert- und Preisbildung von (Konsum-)Gütern und Produktionsfaktoren von einem einheitlichen Erklärungsprinzip her anzugehen, indem sie nämlich Werte bzw. Preise der letzteren aus den Nutzenschätzungen für die Güter ableiten. In methodischer Hinsicht greifen alle Grenznutzentheoretiker auf die im Kern bereits von David Ricardo (Differentialrente) eingeführte, insb. aber von Johann Heinrich von Thünen ausgebaute Marginalanalyse zurück. Mit deren Hilfe wird es möglich, die Wert- und Preisbildung in einem viel stärkeren Masse auf die Entscheidungen der Individuen zurückzuführen, als dies beim objektivistischen Ansatz der Klassik der Fall gewesen ist. So verleiht die Annahme des nutzenmaximierenden Verhaltens der Wirtschaftssubjekte dem klassischen Prinzip des Handelns im eigenen Interesse eine analytisch handhabbare Fassung, so dass die Ableitung individueller Nachfrage- und Angebotsfunktionen und damit der Aufbau einer völlig neuen Preistheorie möglich werden. Damit wird auch die Allokation knapper Ressourcen bei konkurrierenden Zielen (Wettbewerb) zu einem zentralen Thema der Untersuchungen. Diese neuen Aufgaben absorbieren das Interesse der Grenznutzenschule in einem solchen Ausmasse, dass wesentliche Themen der Klassik - Wachstum, säkulare Entwicklung und Verteilung gesamtgesellschaftlicher Aggregate, Koordination nicht im statischen, sondern im evolutorischen Sinne — zunächst in den Hintergrund treten. Daraus resultiert eine erst mit den Arbeiten von Joseph A. Schumpeter wenigstens ansatzweise wieder beseitigte Verengung des Blickfeldes. Trotz gemeinsamem Grundansatz differieren die Fragestellungen und Vorgehensweisen der Grenznutzentheoretiker nicht unerheblich. So ist Jevons mit seiner ohnehin nicht voll entfalteten Theorie primär an der Partialanalyse (isolierter  Tausch) interessiert. Dies gilt bis zu einem gewissen Grade auch für Menget; der allerdings in stärkerem Masse den vertikalen Zusammenhang der Preise im Produktionsprozess (Preisbildung zwischen Konsumgütern und Produktionsgütern verschiedener "Reifegrade", d.h. verschiedener Nähe zum Konsum) thematisiert. Beide geben auch der Kapitaltheorie neue Anstösse, da sie unter Anwendung des Grenznutzenkonzepts auf das Kapitalphänomen die Bedeutung der Zeit im Produktionsprozess erkennen. Demgegenüber richtet Walras sein Augenmerk über die Partialanalyse hinaus von vornherein auf die Totalanalyse, um die Frage nach der Existenz eines allgemeinen Gleichgewichtes ( Gleichgewichtstheorie) zu klären, was ihn freilich zur Ausschaltung des Zeitmomentes nötigt. Diese Schwerpunkte in der Fragestellung bleiben in den verschiedenen Richtungen der Grenznutzenschule erhalten, wenngleich zwischen der Cambridge-Schule (Jevons), der Wiener oder österreichischen Schule (Men- ger) und der  Lausanner Schule (Walras) ein geistiger Austausch stattfindet, der nach dem Ersten Weltkrieg schliesslich zu jener umfassenden Synthese der neueren Neoklassik führt, die das Bild der Mikroökonomik noch in unserer Zeit prägt.                                       Literatur: Issing, O. (Hrsg.), Geschichte der Nationalökonomie, 2. Aufl., München 1988. Stavenha- gett, G., Geschichte der Wirtschaftstheorie, 4. Aufl., Göttingen 1969.

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