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dialektischer Materialismus

Lehre von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens auf der Basis des Primats des Seins (Materie) gegenüber dem Bewusstsein (Geist, Denken). Sie gilt zusammen mit dem historischen Materialismus als philosophische Grundlage des Marxismus- Leninismus. Ausgangspunkt war die von Karl Marx vollzogene Umkehrung der Hegelschen Dialektik: Nicht der Geist, sondern die Materie und die in ihr enthaltenen Widersprüche sind die treibende Kraft der Weltgeschichte. Die hiernach von Marx vor allem für den gesellschaftlichen Bereich aufgesteüten dialektischen Entwicklungsgesetze übertrug Friedrich Engels auch auf den Bereich der Natur, die ebenfalls den Gesetzen der Dialektik unterliege. Als die drei grundlegenden Gesetze der materialistischen Dialektik entwickelte Engels (1)  das "Gesetz des Umschlagens von der Quantität in die Qualität", nach dem die Entwicklung nicht nur auf quantitativen Veränderungen (Evolution), sondern zugleich auch auf qualitativen (Revolution) beruht; (2)  das "Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze", dem Wladimir I. Lenin eine zentrale Stelle einräumte, indem er die Fortbewegung zu Neuem und Höherem aus den inneren, dialektischen Widersprüchen der Erscheinungen (Einheit und "Kampf" der Gegensätze) erklärte; (3)  das "Gesetz der Negation der Negation" (z.B. Gemeinbesitz als Negation des Privateigentums und dieses als Negation des Stammeseigentums), nach dem frühere Stadien nicht einfach überwunden werden, sondern ihre positiven Seiten erhalten bleiben und zu einer Höherentwicklung führen. Die berühmte Triade "These - Antithese - Synthese" ist nach Lenin eher ein Formalprinzip, das nicht das Wesen des dialektischen Materialismus ausmache. Er sah im dialektischen Materialismus nicht nur eine theoretische Begründung des Weltgeschehens, sondern (unter Berufung auf Engels) auch eine methodische "Anleitung zum Handeln" (Prinzip der Einheit von Theorie und Praxis), d.h. zur revolutionären Umgestaltung der (kapitalistischen) Produktionsverhältnisse im Interesse der Arbeiterklasse. Der Erkenntniswert dieser Entwicklungstheorie ist dadurch eingeschränkt, dass sich mit ihr jede nur denkbare Entwicklung nachträglich rechtfertigen lässt.                                                               

bildet zusammen mit dem historischen Materialismus nach verbreiteter Auffassung die Philosophie des Marxismus-Leninismus. Unter Einschluss von dessen ökonomischen und politischen Lehren und Auffassungen stellt der dialektische Materialismus jene einheitliche Weltanschauung dar, die beim Aufbau der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft ebenso wie bei der Entwicklung der Wissenschaft Anwendung findet. Die Bezeichnung »dialektischer Materialismus« stammt von dem russisischen Marxisten Georgij Walentinowitsch PLECHANOW (1891). Dabei schreibt er das Verdienst, nicht nur die Geschichte, sondern auch die Natur dialektisch-materialistisch begriffen zu haben, fälschlich Karl MARX zu. Die Lehre von MARX enthält dagegen alle Elemente einer Kritik zu den später unter dem Signum »dialektischer Materialismus« hergestellten Philosophenren, denn einmal verwirft MARX sowohl den mechanischen Materialismus, dem es um »die Materie« i.S. der zeitgenössischen Naturwissenschaft ging, zum anderen zeigt er, dass es keine wesensmäßige Identität von Natur und Geschichte und damit auch keine beide umgreifende Ontologie geben kann. Vielmehr führt er die materielle Realität als immer schon gesellschaftlich vermittelte Größe ein: Mensch (Geschichte, Ökonomie und Gesellschaft), Denken und Natur bilden nur da eine dialektische Einheit, wo die Arbeit von Menschen im Verein mit den Naturkräften und den von Menschen erkannten Naturgesetzen Dinge und soziale Sachverhalte produziert. Eine »Dialektik der Natur« war für MARX undenkbar, fehlte hier doch die Grundvoraussetzung jeder Dialektik, die Subjekt-Objekt-Beziehung. Ganz anders ist Friedrich ENGELS in die Entwicklungsgeschichte des dialektischen Materialismus involviert. Er glaubte, »die ideologische Verkehrung« in HEGELS Prinzip der Identität von Denken und Sein sei so zu beseitigen, dass man die Begriffe »unseres Kopfes wieder materialistisch als sich so in Stand gesetzt sieht, die Dialektik als Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung sowohl der äußeren Welt wie des menschlichen Denkens neu zu formulieren. Dann nämlich erhalte man »zwei Reihen von Gesetzen, die der Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber insofern verschieden sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewußtsein anwenden kann, während sie sich in der Natur und bis jetzt auch großenteils in der Menschengeschichte in unbewußter Weise, in Form der äußeren Notwendigkeit, inmitten einer endlosen Reihe scheinbarer Zufälligkeiten durchsetzen«. Der Gegensatz ist offensichtlich: MARX erfaßte Natur und Mensch als die durch Praxis, durch Arbeit vermittelte dialektische Einheit; ENGELS will dagegen eine dialektische Entwicklung der Natur auch unabhängig vom Menschen und vom Denken ausmachen. In ENGELS\' Kampfschrift gegen Eugen DUHRINGs »Wirklichkeitsphilosophie« finden sich die für den späteren STALINschen »Diamat« maßgeblichen Grundsätze und Gesetze. Grundsätze: · Die Einheit der Welt besteht in ihrer stofflichen Materialität. · Die Grundformen allen Seins sind Raum und Zeit. · Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie (die mechanische, die chemische und psychische Materie sind jeweils höhere Bewegungsformen). Gesetze: · Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität; · Gesetz der Durchdringung der Gegensätze; · Gesetz der Negation der Negation. Während MARX\' Naturbegriff durchaus geeignet ist, die hemmungslose Ausbeutung der Natur durch die Menschen kritisch zu fassen und damit zur wirklichkeitsimmanenten Kritik seiner Warenanalyse hinführt, reformuliert ENGELS in seiner Naturdialektik das abgehobene traditionelle Programm einer Philosophie der Natur. Wladimir Iljitsch LENINS Beitrag zum wesentlichen darin, den philosophischen Materie-Begriff so allgemein zu formulieren, dass ihm die Ergebnisse der neueren physikalischen Forschung nichts anhaben konnten. Nicht die Zusammensetzung der Materie aus Molekülen, Atomen, Elektronen usw. sei entscheidend, sondern ihre Eigenschaft, objektive Realität zu sein und außerhalb des Bewußtseins zu existieren. Es blieb Josef STALIN (1938) vorbehalten, ENGELS und LENIN zu vulgarisieren und den dialektischen Materialismus als »Verallgemeinerung all dessen« auszugeben, »was die Wissenschaft an Wichtigem und Wesentlichem errungen hat«. Alle Erscheinungen seien materiell; ihr Zusammenhang bilde die eine und mannigfaltige Welt; alle Erscheinungen unterlägen dem Gesetz der Veränderung (die ein Kampf der Gegensätze sei). Es handelt sich um eine Sammlung von Gemeinplätzen ohne jede operative Bedeutung, die aber vermöge ihrer politischen Verwertung im Herrschaftsbereich des Sowjetmarxismus als normative Instanz dortiger Wissenschaft und als »eine politische Polizei in Wahrheitsfragen« fungierten. Wie das Zerfallsprodukt des dialektischen Materialismus, die Rechtfertigungsphilosophie der Staatspartei, dazu benutzt wurde, alle Wendungen der politischen Linie als Anwendung der dialektischen Gesetze zu verbrämen, ist noch weitgehend unthematisiert. Die von kritischen Marxisten vor knapp einem Jahrzehnt gestellte Frage, was wohl von diesem pervertierten Marxismus in zukünftigen theoretischen Debatten übrigbleibe, ist bereits heute zu beantworten: Nichts. Literatur: Havemann, R. (1990). Schmidt, A. (1971a). Marcuse, H. (1964)

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