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Fertilitätsökonomik

Teildisziplin der Bevölkerungsökonomie, die sich im engeren Sinne mit den Bestimmungsgründen der Geburtenentscheidungen, im weiteren Sinne (als ökonomische Theorie der Familie) mit dem Gesamtbereich familia- ler Entscheidungen (Heiratsverhalten, Fertilitätsentscheidungen, Allokation der familialen Ressourcen auf hauswirtschaftlich und erwerbswirtschaftlich angebotene Arbeitszeit, Scheidungsverhalten usw.) befasst. Die sozialwissenschaftliche demographische Forschung zeigt anhand vieler Einzelstudien, dass die Paare ihre Familiengrösse und ihr generatives Verhalten planen und kontrollieren, dass sie in diesem Sinne explizite Entscheidungen über die gewünschte Kinderzahl treffen. Das ist der eine Hauptansatzpunkt der ökonomischen Theorie der Fertilität: Die von den Eltern angestrebte Kinderzahl wird als Entscheidungsvariable betrachtet. Kinder können, wie ebenfalls viele Einzelstudien belegen, das Einkommen und die Zeit der Eltern langfristig in beachtlichem Umfang in Anspruch nehmen. Entscheiden sich die Eltern für das Aufziehen von Kindern, so können die hierfür in Anspruch genommenen Ressourcen von den Eltern nicht mehr für andere Verwendungen genutzt werden. Daher ist es sinnvoll, so der zweite Hauptansatzpunkt, das generative Verhalten auch unter dem Aspekt der Allokation knapper Ressourcen zu analysieren. Das Fruchtbarkeitsverhalten der Paare wird dementsprechend als Ergebnis von Wahlhandlungen interpretiert, die auf Vorteils-/ Nachteils- oder Nutzen-/Kostenüberlegungen basieren. Es können zwei Hauptlinien der Fertilitätsökonomik unterschieden werden, die primär mit den Namen Gary S. Becker und Richard A. Easterlin verknüpft sind. Becker versucht, die generativen Entscheidungen in strenger Anwendung der Wahlhandlungstheorie zu erklären, vor allem unter Nutzung der von ihm mitentwickelten "new home economics" (Neue Haushaltstheorie). Nach seiner Einschätzung lässt sich das ökonomische Opportunitätskostenkonzept auch auf den Bereich familialer (nicht-marktmässiger) Entscheidungen anwenden, und es lassen sich für die Reaktionen auf Schattenpreise (die an die Stelle der Geldpreise des Marktsektors treten) grundsätzlich die gleichen Vorhersagen treffen wie in der herkömmlichen ökonomischen Wahlhandlungstheorie in bezug auf Marktpreise. Dementsprechend gleicht die Art der Hypothesen, die Becker bezüglich der familialen Entscheidungen ableitet, den traditionellen Hypothesen der mikroökonomischen Nachfragetheorie. Folgenden Variablen wird dabei besondere Beachtung geschenkt: dem permanenten Familieneinkommen, dem Verhältnis der Reallöhne von Frauen und Männern, der Ressourcenintensität des Aufziehens der Kinder (an der Becker die sog. Kinder-"Qualität" misst) und dem Verhältnis des Ausbildungsstatus von Frauen und Männern. Den Geldkosten des Aufziehens der Kinder wird dabei typischerweise geringere Bedeutung zugemessen als den Zeitkosten, deren Wert vorrangig anhand der Reallohnhöhe erwerbstätiger Frauen erfasst wird. Easterlin geht ebenfalls von der Annahme aus, dass die Wahlhandlungstheorie der Haushalte ein geeignetes Modell der Analyse generativer Entscheidungen ist. Darüber hinaus nutzt er aber verstärkt Elemente soziologischer Theorien (Bezugsgruppen- und Sozialisationskonzepte). Bekannt geworden ist hier vor allem seine Theorie des relativen ökonomischen Status, in der die erwarteten materiellen Lebensbedingungen der jungen potentiellen Elterngeneration und die im elterlichen Haushalt dieser Generation erworbenen Konsumansprüche miteinander verknüpft werden zu einer Theorie der zyklischen makroökonomischen Fertilitätsentwicklung. Easterlin betrachtet dabei die Fertilität als Restgrösse: Können die jungen Erwachsenen ihre im Elternhaus erworbenen Konsumansprüche verwirklichen, werden sie Kinder aufziehen, und zwar um so mehr, je besser ihre wirtschaftlichen Zukunftsaussichten sind in Relation zu dem in der Kindheit internalisierten Konsumstandard; können sie die Konsumansprüche hingegen nicht realisieren, geht es zu Lasten der gewünschten Kinder.             Literatur: Roppel, U., Die Geburtenentwicklung als Ergebnis von Konsum- und Investitionsentscheidungen der Eltern, in: Probleme der Bevölkerungsökonomie, Beihefte der Konjunkturpolitik, Heft 26, Berlin 1979, S. 145 ff. Zimmermann, K. F., Humankapital, Kinderwunsch und Familiengrösse, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 8. Jg. (1982), S. 547 ff.

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