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historischer Materialismus

auf Karl Marx zurückgehende Lehre von den allgemeinen Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft zur Erklärung der Transformation von Gesellschaftsformationen oder Produktionsweisen. Sie bildet zusammen mit dem dialektischen Materialismus die Grundlage der marxistisch-leninistischen Weltanschauung. Im Gegensatz zur idealistischen Geschichtsinterpretation von Friedrich Hegel sieht Marx in den materiellen Lebensverhältnissen das bewegende Element der Entwicklung von Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Er unterstellt, dass die Menschen zur Bewältigung der gesellschaftlichen Produktion bestimmte, von ihrem Willen unabhängige Produktionsverhältnisse eingehen, die einem bestimmten Stand der Produktivkräfte entsprechen: "Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen ... Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheuere Überbau langsamer oder rascher um." Diese Basisthese von Marx aus dem Vorwort von "Zur Kritik der Politischen Ökonomie" gilt im Marxismus-Leninismus als allgemeines gesellschaftliches Bewegungsgesetz und dient als Erklärung aller geschichtlichen Abläufe. Damit wird dem historischen Materialismus eine den Gesetzen der Mechanik gleichgestellte Verbindlichkeit eingeräumt. Dieser deterministischen Interpretation der geschichtlichen Entwicklung mit ihrem monokausalen Erklärungsanspruch widersprechen allerdings die Offenheit und Variabilität der realen Gesellschaftsentwicklung in unterschiedlichen Kultur- und Zeitepochen.

(= materialistische Geschichtsauffassung) Grundlagentheorie des Marxismus, derzufolge die letzten Bestimmungsgründe der politischen und kulturellen Erscheinungsformen einer bestimmten Geschichtsepoche in ihrer wirtschaftlichen Basis zu suchen sind. Obwohl als Forschungshypothese konzipiert, wurde der historische Materialismus in der auf Karl MARX und Friedrich ENGELS folgenden Rezeption zu einem weltanschaulichen Sammelbehälter für Herrschafts-, ja Erlösungswissen. Ungewollt hatte MARX (1859) selbst dieser Verkehrung der Methode in die Sache Vorschub geleistet: »Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.« Damit kritisierte MARX die Auffassung von Georg W.F. HEGEL (1807), die Geschichte sei die Auslegung der Weltvernunft, des absoluten, göttlichen Geistes in der Zeit, und die Abfolge der Geschichtsepochen sei die Realisierung des Fortschritts im Bewußtsein der Menschheit. An die Stelle des damit verworfenen idealistischen Geschichtsdeterminismus setzt MARX die Epochenabfolge: asiatische, antike, feudale und moderne bürgerliche Produktionsweise. Was MARX damit »in großen Umrissen« skizzierte, verdinglichte sich bei vielen seiner Adepten zu gleichsam naturwissenschaftlichen Gattungsbegriffen und damit zu einem materialistisch-ökonomischen Determinismus. War die bisherige Geschichte für MARX eine Geschichte wachsender menschlicher Selbstentfremdung, so sollte die der kapitalistischen Produktionsweise (wie allen früheren) innewohnende Realdynamik von Produktivkraftentwicklung und gesellschaftlicher Produktionsordnung zur endgültigen Lösung des Antagonismus im Sozialismus/Kommunismus führen. Angeleitet von Wladimir I. LENIN sahen viele Rezipienten in dem zitierten Satz von MARX (1859) die abgeschlossene Formulierung der Grundsätze des Materialismus. Josef W. STALIN vergröberte diese Lesart vollends zum Naturgesetz: »... da die moderne kollektive Arbeit unvermeidlich zum kollektiven Eigentum führen muß, so ist es von selbst klar, dass die sozialistische Ordnung mit der gleichen Unvermeidlichkeit dem Kapitalismus folgen wird wie der Nacht der Tag folgt.« Tatsächlich folgte dem Stalinismus nach STALINS Tod (1953) die sog. Entstalinisierung. Von den negativen Folgen des Personenkults um STALIN befreit, ging man im Lager marxistisch-leninistischer Theorieproduktion außerhalb der offiziellen Lehrbücher daran, die Gesellschaftswissenschaften im Geiste von MARX und ENGELS zu rekonstruieren und gelegentlich auch schon vorsichtig weiterzuentwickeln. Doch dieser Reformismus wurde prompt der Theoriegeschichte überantwortet, als zu Beginn der 90er Jahre das Desaster der realsozialistischen Systeme zwischen Elbe und Ural sichtbar machte, dass auch hier die Bewegung der sozioökonomischen Basis nicht unabhängig von Bewußtseinsformen begriffen werden kann. Im Westen kritisierten Marxisten, die sich an der Kritischen Theorie der Sozialphilosophen Max HORKHEIMER und Theodor W. ADORNO orientierten, die Dialektik noch einmal durch sich selbst und befreiten sie von den affirmativen Aspekten, die, ausgehend von HEGEL, sich im historischen Materialismus fortsetzten. HORKHEIMER hatte sich bereits in der Frühphase (1933) dieser neomarxistischen Schulbildung von der ontologischen Fassung der materialistischen Geschichtsauffassung durch die Orthodoxen distanziert: »Die Gesellschaft, von der das Sein der Menschen mit abhängt, ist ein unvergleichbares, sich fortwährend umstrukturierendes Ganzes, und die Ähnlichkeit menschlicher Züge in den bisherigen Geschichtsepochen ermöglicht zwar wohl Begriffsbildungen, die für das Verständnis gegenwärtiger sozialer Bewegungen entscheidend sind, gestatten aber keineswegs, sie als Grund der Gesamtgeschichte zu deuten.« Diese Marxismus-Kritik verwirft alle Entwicklungs-Theoreme mit Stufencharakter und gibt damit den Blick frei auf die Substanz des historischen Materialismus als Methode. Politisch gewendet heißt das: Selbstkritisch halten Marxisten dieser Provenienz an der Forderung nach einer vernunftgemäßen Organisation von Ökonomie und Gesellschaft fest, wiewohl sie wissen, wie sehr hier Idee und konkrete Erfahrung kontrastieren und dass sich die reale Geschichte unbekümmert um Maximen und Reflexionen als Resultat unprognostizierbarer disparater Kräfte präsentiert. Literatur: Chitas, E. (1990). Negt,
0. , Mohl, E.-T. (1986). Schmidt, A. (1971b)

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