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Sozialismus

Sammelbezeichnung für vielfältige Ideen und politische Strömungen, die vor allem seit Beginn des 19. Jh. — in der Gegenposition zum Liberalismus und  Kapitalismus — das Ziel der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit verfolgen. Einig sind sich alle Sozialisten in der Forderung nach Abschaffung (Sozialisierung) oder Beschränkung der Privatunternehmen, des Privateigentums an den Produktionsmitteln, des Konkurrenzprinzips und der Spontaneität des Marktsystems. Uneinig sind sie sich über die einzuschlagenden Wege, insb. über die Frage Reform oder Revolution. Die vor der 1848er Revolution entstandenen Ideen werden meist als utopischer Sozialismus oder Frühsozialismus bezeichnet. Vertreter sind u. a. Etienne Cabet und Franois Noel Babeuf Sie empfehlen zur Durchsetzung radikal-utopischer            Gleichheitsforderungen eine äusserst strenge staatsdirigistische Organisation aller Lebensbereiche. Grösseren Einfluss auf die Herausbildung sozialistischer Modelle haben Henri Saint-Simon und seine Schüler (die Saint-Simonisten) gewonnen. Sie verfolgten mit einer fortschrittsoptimistischen Konzeption, beeinflusst von einer naturgesetzlichen Geschichtsbetrachtung, die Idee, den zukünftigen Fortschritt voraussehen, planmässig beschleunigen und nach Bedarf lenken zu können. Aus dieser "szientistischen Hybris", die auch für den Marxismus kennzeichnend ist, wurde die Vorstellung entwickelt, der menschliche Verstand sei mit Hilfe der Herrschaft des Kollektivprinzips über das Individualprinzip in der Lage, "sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen" (Friedrich A. von Hayek). Die Errichtung genossenschaftlicher Produktions- und Lebensgemeinschaften als Grundlage einer sozialistischen Gesellschaftsform war das Ziel von Charles Fourier, Philippe Buchez, Louis Blanc und vielen anderen. Der in den 1840er Jahren von Karl Marx und Friedrich Engels begründete sog. wissenschaftliche Sozialismus baut auf Ideen der utopischen Sozialisten, der naturgesetzlichen Geschichtsbetrachtung der Saint-Simonisten und ihrer Weiterentwicklung zum historischen Materialismus, der Klassenkampfidee von Babeuf sowie auf Erkenntnissen der englischen Klassik auf und sucht mit einer Umkehrung der Hegel\'schen Philosophie zum dialektischen Materialismus die inneren Widersprüche und den Prozess des Niedergangs der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und ihre schliessliche Umwandlung in den Kommunismus der klassenlosen Gesellschaft als unabwendbar zu erklären. Für Wladimir I. Lenin ist der Sozialismus eine Vorstufe zu diesem Endstadium der Gesellschaftsentwicklung. Das von ihm begründete sowjetische Wirtschaftssystem hat bis Ende der 80er Jahre das wirtschaftspolitische Leitbild des sog. real existierenden Sozialismus bestimmt. Der demokratische Sozialismus knüptt an die 1868 von Karl Liebknecht postulierte "Einheit von Sozialismus und Demokratie" an und verfolgt — in der Gegenposition zu den vielfältigen antidemokratischen Strömungen des Sozialismus — einen "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und freiheitsfeindlichem. Kommunismus mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie. Kennzeichnend dafür ist z. B. das Godesberger Grundsatzprogramm der SPD von 1959. Allen Strömungen des Sozialismus ist gemeinsam, dass ihre Ideen nur mit einem mehr oder weniger umfassenden kollektivistisch-bürokratischen System von Kontrollen verfolgt werden können, wobei die Gefahr besteht, dass sich diese Mittel in ihrer Wirkung gegen die damit verfolgten Ziele wenden.              Literatur: Stavenhagen, G., Geschichte der Wirtschaftstheorie, 2. Aufl., Göttingen 1957. v. Hayek, F. A., Missbrauch und Verfall der Vernunft, 2. Aufl., Salzburg 1977.

Begriff mit verschiedenen Inhalten: Zum einen handelt es sich dabei um Sozialtheorien und die darauf fußenden sozialen Bewegungen. Zum anderen kann Sozialismus als eine bestimmte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung interpretiert werden. Die Entwicklung der sozialistischen Theorie und Bewegung hat eine lange Geschichte. Man kann sie in Protest- und Ketzer-Bewegungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit beginnen lassen. In der Renaissance kamen rationalistische Sozialutopien hinzu. Die französische Revolution hatte die drei vornehmsten Ziele auf ihre Fahnen geschrieben: liberte, egalite, fratemite. Die Industrialisierung im Kapitalismus liess schließlich im 19. Jh. eine umfangreiche Arbeiterklasse entstehen, die sich u.a. mit Hilfe der sozialistischen Theorie organisierte und dann im 20. Jh. politischen Einfluss gewann. Eine der Grundideen des Sozialismus ist die Kritik an der künstlichen Trennung der Menschen durch das Privateigentum. Das Privateigentum leistet dem Individualprinzip Vorschub, wodurch die natürliche Geselligkeit und die gemeinschaftliche Organisation der allgemeinen Interdependenz ins Hintertreffen geraten. Ziel des Sozialismus sind deshalb zumeist die Abschaffung der Privilegien des Eigentums (mit den Privilegien der Begabung tut er sich um einiges schwerer) und die solidarische Verantwortung der Gemeinschaft für den einzelnen. Das muss nicht notwendigerweise zu Egalitarismus und Brüderlichkeit führen, wobei es zweifelhaft ist, ob sie sich nicht nur in elitären Gemeinschaften (Mönchsorden, Kibbutzim) verwirklichen lassen. Ganz allgemein läßt sich der Sozialismus als emanzipatorische, d.h. dynamische Sozialtheorie interpretieren, die starke rationalistische und konstruktivistische Züge hat und in vielen Fällen auf einen mehr oder minder utopischen Endzustand hinarbeitet. Die sog. Frühsozialisten in Frankreich und England, von Karl MARX und Friedrich ENGELS als utopische Sozialisten apostrophiert, beriefen sich vor allem auf ethische Grundsätze und suchten nach direkten, praktischen Lösungen für die soziale Frage. In diese Tradition ist auch der Sozialismus der Fabian Society im England der Jahrhundertwende einzuordnen, von dem ein wichtiger Einfluss auf die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates ausging. Der - Marxismus dagegen verstand sich als wissenschaftlicher Sozialismus, d.h., er postulierte mit dem historischen Materialismus Gesetzmäßigkeiten, in die sich die sozialistische Bewegung einzuordnen hatte, wollte sie Erfolg haben. Der Marxismus hat zwei ungleiche Kinder hervorgebracht: den Revisionismus mit sozialdemokratischen Volksparteien als Endresultat, die sich mit der kapitalistischen Marktwirtschaft arrangiert haben, und den revolutionären Sozialismus (–s Kommunismus) mit dem sowjetischen Totalitarismus als Endresultat, der schließlich zusammengebrochen ist. Auch als gesellschaftliche Formation, d.h. als Wirkschafts- und Gesellschaftsordnung, ist der Sozialismus nicht eindeutig definiert. Der demokratische Sozialismus westlicher Prägung, in Schweden treffend funktionaler Sozialismus genannt, baut im Rahmen einer kapitalistischen Grundordnung einen Sozialstaat auf, der vor allem Chancengleichheit und eine nach den jeweiligen gesellschaftlichen Normen akzeptable Existenz sichern soll. Der sog. real existierende Sozialismus des Ostens verstand sich v.a. als Gegenordnung zum Kapitalismus. Das hatte u.a. die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, die Einführung eines zentralgeleiteten Entscheidungs- und Koordinationssystems und die Unterordnung der individuellen Präferenzen unter eine postulierte gesellschaftliche Zielsetzung zur Folge. Sozialisten hatten erwartet, dass sich diese sozialistische Ordnung rascher und effizienter als der Kapitalismus entwickeln werde. Diese Erwartung gründete auf dem progressiven Charakter der Ordnung: der Ausnutzung aller Kapazitäten, d.h. Vollbeschäftigung, keinen durch den Markt und das Kreditsystem verursachten Krisenerscheinungen (–s Krisentheorie) und der Überwindung der Entfremdung aufgrund kollektiver Eigentumsrechte und demokratischer ex-ante-Planung. Die Erwartung hat sich nicht bestätigt. Ungeklärt – und damit auch ungelöst – blieben in diesem System die Arbeitsorganisation, die Rolle des Marktes als Koordinationsinstrument und die Kontrolle des Staates. Das Sowjetsystem war durch Staatseigentum und damit ein im wesentlichen traditionelles Kapital-Arbeits-Verhältnis, durch weitestgehenden Ausschluss von Märkten und die Diktatur der kommunistischen Parteielite gekennzeichnet. Abweichungen hiervon traten im jugoslawischen System der Arbeiterselbstverwaltung, die auch Märkte als Koordinationsinstrumente impliziert, und in sehr viel schwächerer Form im ungarischen Neuen Ökonomischen Mechanismus 1968-1988 auf (Marktsozialismus). Die Unfähigkeit, das Demokratieproblem zu lösen, hat wohl zum endgültigen Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus geführt. Literatur: Brus, W., Laski, K. (1989). Lichtheim, G. (1975). Adler-Karlsson, G. (1969)

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