Empfehlungen
A   B   C   D   E   F   G   H   I   J   K   L   M   N   O   P   Q   R   S   T   U   V   W   X   Y   Z  
  Home Top 10 Fachbereiche News Hilfe & FAQ
 

Entfremdung

anthropologischer Begriff bei Friedrich Hegel für die Entäusserung des Menschen in dem von ihm geschaffenen Produkt. Karl Marx hat diesen Begriff in seinen Frühschriften aufgegriffen und auf gesellschaftliche Verhältnisse übertragen. In der kapitalistischen Gesellschaft werde der Arbeiter aufgrund des Privateigentums seinen geschaffenen Produkten entfremdet und damit seiner Selbstverwirklichung beraubt. Unter "Selbstverwirklichung in der Arbeit" versteht er, dass die Menschen - vielseitig und reich an Bedürfnissen — ihre Umwelt schöpferisch mit dem Einsatz ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten gestalten. Diese Selbstverwirklichung könne solange nicht erreicht werden, wie Privateigentum die Entfaltungsmöglichkeiten der Nichteigentümer verhindere, die zwischenmenschlichen Beziehungen durch die Anonymität des auf Erwerb ausgerichteten Markttausches "verdinglicht" würden, die Marktprozesse sich damit verselbständigten und den Intentionen der einzelnen (einschl. der Eigentümer) entzögen und die Arbeit der Menschen durch Lohnabhängigkeit fremdbestimmt werde. Im Unterschied zur Verelendungstheorie oder zur Ausbeutung bezieht Marx den Begriff der Entfremdung nicht nur auf die Arbeiter, sondern ebenso auf die Unternehmer, da auch ihre Entfaltungsmöglichkeiten durch den Marktprozess zwangsläufig beeinträchtigt würden. Gegen die Marxsche Interpretation der Entfremdung ist einzuwenden, dass (1) dieser Sachverhalt nicht systemspezifisch ist, da jede Volkswirtschaft durch Arbeitsteilung und die Zuordnung von Eigentums- und Verfügungsrechten charakterisiert ist; (2) Arbeitsteilung selbst Ausdruck von Selbstverwirklichung nach Massgabe individueller Präferenzen und Fähigkeiten sein kann und (3) die Arbeitsteilung über die Entfaltung grösserer Produktivität eine Güterversorgung ermöglicht, die erst die "vielseitigen und reichen" Bedürfnisse befriedigen kann.              

von Karl MARX in den philosophisch-ökonomischen Manuskripten seiner frühen Pariser Jahre entwickelter Begriff, der vor allem in der Soziologie und der (marxistischen) Philosophie Eingang gefunden hat. In seinen späteren ökonomischen Schriften spielt Entfremdung dagegen keine besondere Rolle mehr, auch wenn sie als immanenter Kritikpunkt noch zwischen den Zeilen anzutreffen ist. Die Kritik der politischen Ökonomie, d.h. die kritische Analyse des Kapitalismus, wird in den Phänomenen der Ausbeutung und der Krisen konkretisiert. Entfremdung beschreibt die Situation des Individuums in der modernen Gesellschaft, die von einer natürlichen Norm oder Bestimmung des Menschen abweicht, welche erst durch den historischen Emanzipationsprozess auf allerhöchstem Niveau wiederhergestellt werden wird. Typische Merkmale der Entfremdung sind Machtlosigkeit, Sinnentleerung und Anomie. Entfremdung äußert sich v.a. in der Beziehung des Menschen zu seiner Arbeit. Arbeit ist die zentrale Kategorie der marxistischen Theorie (Marxismus). Im »Reich der Notwendigkeit«, d.h. unter den Bedingungen ökonomischer Knappheit, ist mit Arbeit ein negativer Nutzen verbunden. Die Produzenten werden nach Techniken zur Verbesserung der Arbeitsproduktivität suchen und permanent die Angemessenheit der Produktionstechnologie in bezug auf ihre Ziele analysieren. Damit wird Arbeit gleichzeitig zu einem Motor der Entwicklung in Richtung auf das »Reich der Freiheit«. Im Kapitalismus ist der Produktionsprozess jedoch entsprechend den Zielsetzungen der Kapitalisten eingerichtet. Der Arbeiterklasse wird alles genommen, was MARX als Grundlage der kognitiven Lernprozesse betrachtete. Was für sie übrig bleibt, ist Arbeit als Routine. Ein zweiter Aspekt der Entfremdung im kapitalistischen Wirtschaftssystem liegt in der Anonymität seiner Entscheidungsvorgänge. MARX meinte, dass in einer Verkehrswirtschaft der eigentliche Sinn des ökonomischen Verkehrs, nämlich die Bedürfnisbefriedigung von Individuen, nicht mehr begreiflich sei. Die Idee, dass die Güter- und Geldbewegungen einer Marktwirtschaft ein völlig autonomes Leben führen und dass die Individuen dem unterworfen und davon abhängig sind, nannte er Warenfetischismus. Die Instabilität, die nach MARX das kapitalistische System kennzeichnet, läßt die realen Ursachen hinter diesem Warenfetischismus sichtbar werden. Sie sind das Resultat einer aufgezwungenen, wesensfremden Zielsetzung, die der primären Zielsetzung, nämlich der individuellen Bedürfnisbefriedigung, einen niederen Rang zuweist (Krisentheorie). Das Theorem von Adam SMITH bezüglich der Arbeitsteilung und der Effizienz von anonymen Märkten, das den Ausgangspunkt der neoklassischen Mikroökonomik bildet, postuliert hierzu die Gegenposition. Es sei nebenbei bemerkt, dass bereits SMITH im Falle von zu weit gehender Arbeitsteilung die Gefahr einer Entfremdung der Arbeiter sah. Die Präferenz für marktwirtschaftliche oder planwirtschaftliche Wirtschaftsordnungen wird u.a. aus dieser theoretischen Differenz gespeist. Literatur: Israel, J. (1972). Marx, K. (1864). Marx, K. (1844)

Vorhergehender Fachbegriff: Entflechtung | Nächster Fachbegriff: Entgangener Gewinn



  Diesen Artikel der Redaktion als fehlerhaft melden & zur Bearbeitung vormerken




   
 
 

   Weitere Begriffe : revealed preference | Buy-grid-Modell | Amsterdamer Thesen

   Praxisnahe Definitionen

Nutzen Sie die jeweilige Begriffserklärung bei Ihrer täglichen Arbeit. Jede Definition ist wesentlich umfangreicher angelegt als in einem gewöhnlichen Glossar.

  Marketing

  Definition

  Konditionenpolitik

   Fachbegriffe der Volkswirtschaft

Die Volkswirtschaftslehre stellt einen Grossteil der Fachtermini vor, die Sie in diesem Lexikon finden werden. Viele Begriffe aus der Finanzwelt stehen im Schnittbereich von Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre.

  Investitionsrechnungen

  Marktversagen

  Umsatzsteuer

   Beliebte Artikel

Bestimmte Erklärungen und Begriffsdefinitionen erfreuen sich bei unseren Lesern ganz besonderer Beliebtheit. Diese werden mehrmals pro Jahr aktualisiert.

  Cash Flow

  Bausparen

  Fremdwährungskonto


     © 2015 Wirtschaftslexikon24.com       All rights reserved.      Home  |  Datenschutzbestimmungen  |  Impressum  |  Rechtliche Hinweise
Aktuelles Wirtschaftslexikon