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Multiplikatoranalyse

befaßt sich mit der Wirkung und Wirkungsweise der Veränderung von unabhängigen Größen eines Systems auf die abhängigen Größen, wobei deren Interdependenz voll in Betracht gezogen wird. Ein dogmengeschichtlich, theoretisch und praktisch wichtiger Anwendungsfall ist die Analyse der Investitionswirkungen. Im einfachsten keynesianischen Modell für den realen Sektor der Wirtschaft herrscht Gleichgewicht, wenn die wirtschaftliche Aktivität ein Einkommen Y entstehen läßt, welches seinerseits so viel geplante Nachfrage für Zwecke des Konsums C(Y) hervorruft, dass diese — zusammen mit der exogen bestimmten Nachfrage für Zwecke der Sachvermögensbildung I — gerade dem Güterangebot aus der laufenden Produktion entspricht. Aufgabe der Multiplikatoranalyse ist es nun zu untersuchen, welche Änderungen der Gleichgewichtswerte der endogenen Variablen Y und C aus der Variation der exogenen Variablen I resultieren. Dabei ist es wichtig zu unterscheiden, ob die Änderung der autonomen Nettoinvestition als singulärer Investitionsstoss oder als einmaliger Niveausprung der laufenden Investitionen, die fortan auf dieser neuen Höhe verharren, erfolgt. Um den ökonomischen Gehalt der Multiplikatortheorie zu begreifen, betrachtet man am besten den im folgenden verbal wiedergegebenen Multiplikatorprozeß, dessen formaler Nachvollzug ein System von Differenzen- oder Differentialgleichungen erfordert und zu dynamischen Multiplikatoren führt. Wenn die Nachfrage aufgrund einer angestrebten erhöhten Sachvermögensbildung steigt, sehen sich die Unternehmen im Investitionsgüterbereich veranlaßt, ihre Produktion auszudehnen. Sie sind dazu in der Lage, wenn freie Ressourcen der benötigten Art zur Verfügung stehen. Dies sei angenommen. Folglich steigen Beschäftigung und Einkommen. Da die Produktionsanpassung unverzüglich und in Höhe der Nachfragesteigerung erfolgt, hat der impact multiplier, der solche Ein-Stufen-Wirkungen mißt, den Wert Eins. Die Fortpflanzung der Einkommensentwicklung im weiteren Verlauf des Multiplikatorprozesses wird von der Annahme abgeleitet, dass erhöhtes Einkommen nach Maßgabe der marginalen Konsumquote dC/dY erhöhte Verbrauchsausgaben zur Folge hat. Der Einkommens- und Beschäftigungszuwachs setzt sich darum im Konsumbereich fort, und zwar in einer Wirkungskette, bei der jede Einkommensausweitung in der Folgeperiode neue Nachfrage und diese wieder neues Einkommen erzeugt. Unterstellt man, dass sich Einkommenssteigerungen nur z.T. in Konsumnachfrage übersetzen (0 < dC/dY < 1), ist die logische Konsequenz, dass bei einem singulären Investitionsstoss die durch den delay multiplier meßbare Bewegung der endogenen Variablen schließlich verebbt, ohne dass dauerhafte Veränderungen eingetreten wären. Ein Investitionssprung dagegen, bei dem den Impulsen des ersten Investitionsstoßes weitere Impulse der periodenweise erneuerten Investitionstöße folgen, führt unter solchen Umständen am Ende zu einem Gleichgewichtszustand auf verändertem Niveau der endogenen Variablen. Der Übergangspfad wird durch den truncated multiplier beschrieben, dessen Grenzwert nach unendlich vielen Perioden mit dem Betrag des statischen Multiplikators übereinstimmt. Der letztere gibt die Variation der Gleichgewichtswerte nur der Höhe, nicht dem Verlauf nach an. Das geschilderte Einschwenken des Entwicklungspfades der endogenen Größen auf Gleichgewichtswerte steht unter der Bedingung, dass ein Gleichgewicht überhaupt existiert (Existenzbedingung), und dass es in einem Anpassungsprozess auch erreicht werden kann (Stabilitätsbedingung). Voraussetzung ist also, dass Einspeisungen in den Kreislauf (injections) auf Grund von Steigerungen der Investitionsausgaben nicht gleich große Konsumzuwächse generieren, so dass im Kreislauf nach einer gewissen Zeit kompensatorische Sickerverluste (withdrawals) entstehen. Voraussetzung ist ferner, dass bei einer Diskrepanz von Angebot und Nachfrage ein Anpassungsversuch der Produzenten nicht durch übermäßige Nachfragereaktionen (der Investoren) vereitelt wird. Im Rahmen der Multiplikatortheorie wurden zahlreiche Multiplikatoren abgeleitet, die den unterschiedlichen Fragestellungen und Modellstrukturen Rechnung tragen: für direkte Ausgabenvariationen z.B. der Investitionsmultiplikator, Exportmultiplikator und Staatsausgabenmultiplikator; für indirekte Ausgabenänderung z.B. der Steuermultiplikator; für die Änderung von Ausgabenaggregaten z.B. der compound multiplier und der balanced budget multiplier (HAAVELMOTheorem); für kontinuierliche Ausgabenänderung z.B. der Supermultiplikator; für unterschiedlich komplexe Modellstrukturen z.B. der statische, dynamische und generelle Multiplikator; in der Input-Output-Analyse werden Sektorenmultiplikatoren verwendet. Die Multiolikatoranalvse ist das Herzstück der komparativ-statischen Analyse schlechthin. Dabei geht man von der strukturellen Form eines makroökonomischen Modells aus, das neben Definitions- und Verhaltensgleichungen v.a. auch Gleichgewichtsbedingungen enthält. Man kann das System aber auch von vornherein auf die Gleichgewichtslösungen von Subsystemen reduzieren. Im Fall des keynesianischen IS/LM-Modells (Festpreismodell) erhält man beispielsweise:
Multiplikatoranalyse
Multiplikatoranalyse Totale Differentiation führt zu einem linearen System, in dessen Koeffizienten-matrix partielle Ableitungen erscheinen, die unter der Ceteris-ParibusBedingung an den Gleichgewichtsstellen (io,Y0) Reaktionen der Ersparnis, Investitionstätigkeit und Kassenhaltung auf Änderungen der Variablen (dY,di) beschreiben, die ihrerseits durch Datenänderungen ausgelöst werden:
Multiplikatoranalyse Mit der Lösung des Systems gelangt man zu den entscheidenden Multiplikatoren, welche die Wirkung der eben genannten Datenänderungen (dIadMa) auf die abhängigen Variablen (Y,i) unter Marginalbedingungen messen:
Multiplikatoranalyse Die Multiplikatoreninterpretation erfolgt häufig nur in Form der Vorzeichenanalyse: Multiplikatoren haben in der Modelltheorie hohen analytischen Wert. Ihre empirische und insbes. prognostische Brauchbarkeit ist dagegen begrenzt, da die zeitliche Bemessung des Multiplikatorprozesses nicht einwandfrei möglich und die Annahme unveränderlicher Funktionen äußerst fragwürdig ist. So muss z.B. mit Verteilungswirkungen im Verlauf des Multiplikatorprozesses gerechnet werden, die wegen des unterschiedlichen Konsumverhaltens der einzelnen Gruppen eine Variation der gesamtwirtschaftlichen Konsumquote zur Folge haben. Der Multiplikator ist dann seinerseits eine veränderliche Größe. Die Frage der Stabilität des Multiplikators ist von hoher Relevanz: So gelangen z.B. Vertreter des Monetarismus zu einer Bevorzugung der Geldpolitik als Mittel der Globalsteuerung, weil sie den Kreditschöpfungsmultiplikator für stabiler halten als die verschiedenen Ausgaben-und Einnahmenmultiplikatoren. Literatur: Felderer, B., Homburg, St. (1994). Richter, R., Schlieper, U., Friedmann, W. (1981). Quirk, J., Saposnik, R. (1968)

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