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Gleichgewichtstheorie

in der Ökonomik vorherrschender, durch eine zentrale Stellung der Gleichgewichtskonzeption charakterisierter Theorietypus. Das Gleichgewichtsdenken entwickelte sich durch Orientierung an der Vorgehensweise der Physik und trug wesentlich zur Konstitution der Ökonomik als wissenschaftlicher Disziplin bei. Der Begriff des Gleichgewichts, der einen bestimmten - sich ohne äussere Anstösse reproduzierenden - Zustand der Anpassung, bei dem sich entgegengesetzte Kräfte gerade ausgleichen, auszeichnet, wird in einer ausserordentlichen Fülle verschiedener Ausprägungen benutzt, die jeweils vom Theorie- bzw. Modelltypus sowie von den Anwendungsfeldern abhängen. So bezeichnen die Dispositionsgleichgewichte des Haushalts bzw. der Unternehmung den Zustand der optimalen Anpassung dieser Wirtschaftssubjekte an die für sie relevante Umwelt unter Berücksichtigung der für sie geltenden Restriktionen. Beim Marktgleichgewicht liegt die Situation eines Ausgleichs zwischen Angebot und Nachfrage auf einem einzelnen Markt vor. Befinden sich alle Wirtschaftssubjekte im Dis- positions- und alle Märkte im Marktgleichgewicht, so liegt das totale Gleichgewicht im mikroökonomischen Sinne vor (allgemeines Gleichgewicht). Aus der Tatsache, dass das Gleichgewicht auf diesen verschiedenen Ebenen nicht gleichzeitig gegeben sein muss, ergibt sich zugleich die Zweckmässigkeit, unter dem Aspekt der Zeit kurz-, mittel- und langfristige Gleichgewichtslagen zu unterscheiden. Auch die Makroökonomik bedient sich auf verschiedenen Ebenen des Gleichgewichtskonzepts, wenn sie Kreislauf-, Geldmarkt-, Kapitalmarkt-, Arbeitsmarkt- und totales makroökonomisches Gleichgewicht thematisiert. (Da hierbei mit Aggregaten gearbeitet wird, ergibt sich die umstrittene Frage, ob makroökonomisches Gleichgewicht auch mikroökonomische Gleichgewichtslagen voraussetzt oder nicht). Schliesslich arbeitet die Wachstumstheorie mit dem Begriff des Wachstumsgleichgewichts, das wiederum in einer mikro- und makroökonomischen Variante vorkommt. Wenn die Gleichgewichtstheorie primär auf den Gleichgewichtszustand abhebt, bedeutet dies nicht, dass sie ihn jeweils für realisiert hält. Die Rolle, die man dem Gleichgewichtszustand zuweist, hängt zunächst wesentlich davon ab, ob man ihn im normativen oder positiven Sinne interpretiert. In normativer Absicht versteht man den Gleichgewichtszustand als Referenzsituation, die es soweit wie möglich zu realisieren gilt; etwa wenn durch bestimmte wirtschaftspolitische Massnahmen das Gleichgewicht auf einem Markt oder in der Gesamtwirtschaft (z.B. aussenwirtschaftliches Gleichgewicht) herbeigeführt werden soll. Auch in der Wohlfahrtsökonomik benötigt man den Gleichgewichtszustand als Referenzbasis, um bestimmte Ergebnisse bzw. Massnahmen zu beurteilen. Wird das Gleichgewicht im Sinne der positiven Ökonomik hervorgehoben, so läuft dies auf die Hypothese hinaus, dass die Gleichgewichtskräfte in der realen Ökonomie dominieren. Der Ökonom versucht daher die Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen ein Gleichgewicht existiert, eindeutig ist und Stabilität aufweist. Stabilität des Gleichgewichts bedeutet, dass Mechanismen existieren, die das System wieder zum Gleichgewichtszustand bzw. -pfad zurückführen, wenn Abweichungen auf treten. Nur wenn Existenz, Eindeutigkeit und Stabilität des Gleichgewichts gewährleistet sind und der Zeitbedarf bis zum Wiedererreichen des Gleichgewichts gering ist, lassen sich aus der Gleichgewichtskonfigu- ration der Variablen theoretische Schlüsse ziehen und somit wirtschaftspolitische Massnahmen konzipieren ( Modell). Schliesslich bestehen bestimmte Zusammenhänge zwischen den normativen und positiven Aspekten von Gleichgewichtskonzepten. Bei komplexen ökonomischen Systemen fehlen oft die Informationen für wirtschaftspolitische Massnahmen zur Herstellung des normativ angestrebten Gleichgewichts, wenn die Tendenzen zu einem solchen im positiven Sinne schwach ausgeprägt sind (es sich also nicht gleichsam von selbst einstellt). Ökonomische Ansätze, die auf der Theorie- bzw. Modellebene mit der Annahme operieren, die faktisch nicht verfügbaren Informationen seien vorhanden, ziehen daher den Vorwurf irrealen Denkens ("nirwana-approach") auf sich. Solche Vorwürfe basieren auf Konzepten, die unter Relativierung der Gleichgewichtskräfte stärker auf die Prozesshaftigkeit ökonomischer Systeme abheben ( Wettbewerbstheorie). Teilweise wird auch ein radikaler Paradigmawechsel von der Gleichgewichts- zur Konfliktorientierung gefordert. Stärker dem Gleichgewichtsdenken verpflichtet bleibt hingegen die sog. Ungleichgewichtstheorie.                           Literatur: Helmstädter, E., Wirtschaftstheorie I, 4. Aufl., München 1991. Helmstädter, E., Wirtschaftstheorie II, 3. Aufl., München 1986. Holub, H. W., Der Konfliktansatz als Alternative zur makroökonomischen Gleichgewichtstheorie, Göttingen 1978.

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