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Mittelstandsökonomie

Die Mittelstandsökonomie ist eine vergleichsweise junge Disziplin innerhalb der Wirtschaftswissen­schaften. Sie vereint betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Aspekte und ist inzwischen auch von wirtschaftspolitischer Bedeutung.
1. Fragestellung und Entwicklung Die Mittelstandsökonomie befasst sich im Wesentlichen mit vier Fragen:
(1) Welchen ökonomischen Beitrag leistet der Mittelstand?
(2) Welche Besonderheiten hat der Mittelstand?
(3) Wie beeinflussen die Besonderheiten des Mittelstands dessen Leistungsfähigkeit?
(4) Wie kann die Leistungsfähigkeit des Mittelstands gesteigert werden? Der Ursprung der Mittelstandsökonomie liegt in volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Er­kenntnissen, von denen manche heute in Frage gestellt werden. Volkswirtschaftlich ist es unter anderem ein Befund, zu dem erstmals David Birch (Birch, D., 1979) gelangte. Danach schufen in den USA klei­ne Unternehmen mehr Arbeitsplätze als grosse. Dass der Mittelstand im Allgemeinen mehr Arbeitsplät­ze schafft als Grossunternehmen, wird von Wissenschaftlern wie David Storey (Storey, D., 1994) oder Axel Schmidt (Schmidt, A., 1996) aber inzwischen — auch aufgrund methodischer Kritik — bezweifelt. In der heutigen Forschung ist der Sachverhalt vielmehr Gegenstand der so genannten Mittelstandshypo­these, was daran liegt, dass die vermeintlich höhere Arbeitsplatzschaffung des Mittelstands bisher we­der mit Allgemeingültigkeit belegt noch widerlegt wurde.
2. Charakterisierung des Mittelstands Der Versuch, andere Beiträge des Mittelstands, wie beispielsweise zum Bruttoinlandsprodukt, zu den Exporten oder zur Innovationstätigkeit zu quantifizieren, erfordert eine vorhergehende Definition des Mittelstands. Wie unter anderen auch Günterberg & Wolter (Günterberg, B. u. Wolter, H. J. 2002) fest­stellen, existiert allerdings auch in Europa keine allgemeingültige Definition des Mittelstands. Der Quantifizierungsversuch hat aber zur Verwendung quantitativer Kriterien wie Umsatz, Zahl der Be­schäftigten oder Bilanzsumme geführt. Diese führen zu Abgrenzungen wie Kleine und Mittlere Unter­nehmen (KMU) oder small & medium sized enterprises (SME), wie es im Angelsächsischen verwandt wird. Ob ein Unternehmen mit beispielsweise 50 Mitarbeitern dabei noch als „klein” oder bereits als “mittelgross” kategorisiert wird, hängt dann von den verwandten Grenzwerten ab. Eine wissenschaftlich begründbare Bestimmung der einzelnen Grenzwerte (gleich, ob für Umsatz, Zahl der Beschäftigten oder Bilanzsumme) ist aber auch nicht bei Berücksichtigung der jeweiligen Wirtschaftsbereiche herzu­leiten. Aufgrund dessen wird in der Bundesrepublik Deutschland seit 1976 auf eine offizielle und all­gemeingültige Definition des Mittelstands oder kleiner und mittlerer Unternehmen verzichtet; es wer­den stattdessen fallweise Arbeitsdefinitionen verwandt (Deutscher Bundestag, 1976). Gänzlich fehlen­de oder divergierende Definitionen innerhalb Europas veranlassten die Europäische Union dazu, Mitte der 90er Jahre eine EU-Definition zu erlassen. In der aktuellen Fassung wird danach ausschliesslich nach der Diktion Mikro-, Klein-, Mittel- und Grossunternehmen unterschieden.
Mittelstandsökonomie In der Praxis findet meist das Kriterium “Anzahl der Beschäftigten” Verwendung. Das liegt an der Schwierigkeit, die Unternehmenspopulation eines Landes zuverlässig und zeitnah anhand der Kriterien Umsatz oder Bilanzsumme zu erfassen. Noch schwieriger ist es, die Unternehmen nach dem Eigenbe­sitz oder dem jeweiligen Eigentum am Unternehmen zu ermitteln. Dennoch gilt gerade das Zusammen­fallen von Eigentum und Führung in einem Unternehmen als eine Besonderheit des Mittelstands. Sie liegt im Wesentlichen darin begründet, dass ein Eigentümer oder eine Eigentümerfamilie das wirt­schaftliche Risiko des unternehmerischen Handelns selbst trägt, sei es als persönlich haftender Gesell­schafter oder weil ein ggf. geschmälerter Wert des Unternehmens den Wert des (Familien-)Eigentums schmälert (anders als bestellte Geschäftsführer oder Vorstände, die nicht mit ihrem Eigentum oder Vermögen für ihr Handeln einstehen).
3. Unternehmensgrösse und Eigentum Das Wesen des Mittelstands wird somit von zwei grossen Faktoren beeinflusst: der Unternehmensgrösse und dem Eigentum. Die Grösse beeinflusst Aspekte wie Beschaffung (z.B. Bestellmengen), den Markt­anteil oder Vertriebsradius (z.B. Export), während das Eigentum Aspekte wie Personalführung, Hie­rarchien (meist flacher) oder den Umgang mit dem Risiko (Risikomanagement) im Allgemeinen beein­flusst. Die sich daraus ergebende mittelständische Unternehmenskultur ist mithin eine Mischung aus grössenspezifischer Transparenz und Übersichtlichkeit des Unternehmens und der Präsenz des Eigen­tümers und dessen Einfluss auf das Handeln der Mitarbeiter (De, D., 2005). Die Verteilung der unternehmerischen Aufgaben innerhalb einer Familie und die generationsübergrei­fende Fortführung des Eigentums sind zentrale Aspekte im Forschungsbereich Familienunternehmen. Dabei geht es auch um die Frage, was erfolgreiche Familienunternehmen auszeichnet wie beispielswei­se, ob sie sich des unternehmerischen Risikos bewusster sind als andere oder innerhalb der Familie kür­zere Entscheidungswege haben (was ggf. zu grösserem Erfolg wie bspw. höheren Umsatzrenditen füh­ren könnte) (BDI, Ernst & Young, 2003). Die Nachfolgeregelung ist ein weiterer Aspekt, der aus betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftli­cher Sicht bedeutsam ist. Betriebswirtschaftlich geht es dabei um die Planung, Vorbereitung und Orga­nisation der Nachfolge. Das beinhaltet u.a. sowohl steuerliche und erbrechtliche Themen als auch psy­chologische, etwa wenn es um die Aufgabe von Führungs- und Gestaltungskompetenz auf Seiten der übergebenden Generation geht (Freund, W., 2000). Volkswirtschaftlich ist der Bereich besonders we­gen der Gefahr ausbleibender Nachfolge von Bedeutung. In solchen Fällen drohen gesunde Unterneh­men — wenn sie denn nicht verkauft werden — aufgelöst bzw. liquidiert zu werden, was dann zum Ver­lust damit verbundener Arbeitsplätze führt. Solche Fälle treten aber eher bei kleineren als bei grossen Unternehmen auf. Das lässt darauf schliessen, dass die Unternehmensgrösse möglicherweise einen Ein­fluss auf das Alter und das Überleben eines Unternehmens hat. Der Einfluss unternehmensgrössenspezifischer Merkmale auf die Leistungsfähigkeit und das Überleben eines Unternehmens ist ein weiteres zentrales Forschungsgebiet. Dabei geht es meist um die Frage, welche unternehmensgrössenspezifischen Nachteile die Leistungsfähigkeit des Mittelstands möglicher­weise behindern. Solche Nachteile können z.B. bei der Finanzierung bestehen, wenn es bei gleichem Aufwand der Bank nur um die Gewährung eines kleinen Darlehens geht, an dem sie entsprechend we­nig verdient — das kann von Seiten der Bank zur Forderung nach höheren Zinsen führen. Ein anderes Beispiel ist die Beschaffung qualifizierter Mitarbeiter, wo gerade gut ausgebildete junge Absolventen oft grössere Unternehmen als Arbeitgeber bevorzugen. In dem Zusammenhang wird häufig auch der Export angeführt, da hierfür entsprechend ausgebildete Mitarbeiter nötig sind. Beim Export können a­ber auch ein mangelnder Bekanntheitsgrad und geringere Finanzmittel den zu Beginn meist erforderlichen Vorlauf behindern. Im Bereich des Managements von KMU befasst sich die Wissenschaft daher auch damit, wie mit solchen Nachteilen umzugehen ist und wie sie möglicherweise überwunden wer­den können.
4. Mittelstandspolitik Im Rahmen zunehmender Globalisierung ist der Nachteilsausgleich aber häufig auch Inhalt der so ge­nannten Mittelstandspolitik (Krämer, W., 2003). Diese Politik, die überwiegend aus Fördermassnahmen besteht, zielt darauf ab, durch gelegentliche Ausnahmen (z.B. beim Kündigungsschutz) und dem Aus­gleich von Nachteilen (z.B. bei Finanzierungen) die Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit von KMU zu erhöhen. Ein Beispiel ist in dem Zusammenhang auch das Europäische Wettbewerbsrecht. Wie in allen Ländern auch, werden darin Kartelle untersagt, ausgenommen Mittelstandskartelle. Diese Ausnahme soll Mittelständlern erlauben, sich im Verbund (und mit Absprachen untereinander) gegen die Marktmacht von Grossunternehmen zu behaupten. Mittelstandsspezifische Ausnahmen und Förde­rungen, finden sich aber auch auf lokaler und regionaler Ebene. Damit versuchen Gemeinden oder Re­gionen die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen und ihre eigene Attraktivität für neue Unterneh­men zu erhöhen (De, D., 2000). Zunehmend geht es bei der Mittelstandspolitik aber auch darum, den Mittelstand vor der Einführung behindernder oder belastender Massnahmen und Entwicklungen zu be­wahren. Hinweis Zu den angrenzenden Wissensgebieten siehe u.a.  Businessplan,  Corporate Govemance, Due Diligence,   Existenzgründung,   Going Public,  Jahresabschluss, deutscher,  Jahresabschluss, österreichischer,   Private Equity,   Sanierungsmanagement,  SonderbilanzenSteuerlehre, Be­triebswirtschaftliche,  Unternehmensbewertung,   Unternehmensethik, Venture Capital.

Literatur: BDI und ERNST & YOUNG (Hrsg. 2003): Der industrielle Mittelstand — ein Erfolgsmo­dell, Berlin; Birch, David (1979), The Job Generation Process, Working Paper, MIT, Programm an Neighbourhood and Regional Change, Cambridge/Mass, sowie (1987) Job creation in America: How our smallest companies put the most people to work, New York; De, Dennis (2000): SME Policy in Eu­rope, in: The Blackwell Handbook of Entrepreneurship, Oxford; De, Dennis (2005): Entrepreneurship —Gründung und Wachstum von kleinen und mittleren Unternehmen, München, Boston, Sydney u.a.; Deutscher Bundestag (1976): Bericht der Bundesregierung über die Lage und Entwicklung der kleinen Unternehmen, Mittelstandsbericht, Drucksache 7/5248 vom 21.5.76; Freund, Werner (2000): Familien­interne Nachfolgeregelung: Erfolgs- und Risikofaktoren, Wiesbaden; Günterberg, Brigitte u. Wolter, Hans-Jürgen, Mittelstand in der Gesamtwirtschaft — Anstelle einer Definition, in, IFM-Bonn (Hrsg.) Unternehmensgrössenstatistik — Daten und Fakten, Kapitel 1, Bonn; Krämer, Werner (2003): Mit­telstandsökonomik, München; Schmidt, A.G.: Der überproportionale Beitrag kleiner und mittlerer Un­ternehmen zur Beschäftigungsdynamik: Realität oder Fehlinterpretation von Statistiken?, ZfB, 66. Jg. (1996), S. 550f; Storey, David (1994): Understanding the Small Business Sector, London u.a. Internetadressen: www.ec.europa.euienterprise; www.fgf-ev.de; www.fsf. se; www.ifm-bonn.org; www.inmit.de; www.kmu.unisg.ch; www.kmuforschung.ac.at

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