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Tourismusbetriebslehre


1. Besonderheiten der Leistungserstellung im   Tourismus Touristische Leistungen bilden eines der typischen Beispiele für die Besonderheiten von  Dienstleis­tungen. Diese zeichnen sich — gegenüber Sachleistungen — durch folgende konstitutive Eigenschaften aus:
(1)   Immaterialität
(2) Integration eines externen Faktors
(3) Simultaneität von Produktion und Konsum. Aus diesen drei Eigenschaften lassen sich zahlreiche weitere ableiten (siehe vertiefend: Kirstges, Expansionsstrategien). Dies hat u.a. zur Folge, dass es bei Reiseveranstaltern keine eigenständige Produktionsabteilung gibt. Als einzige „echte” Produktionstätigkeit im klassischen Sinne dürfte die Herstellung der Reiseunterla­gen in Frage kommen. Damit wird die traditionelle betriebswirtschaftliche Disziplinenaufteilung durchbrochen. Ebenso kommt Trägermedien, allen voran der Reisekatalog, zur Visualisierung des Dienstleistungsversprechens eine besondere Bedeutung zu.
2. Die touristische Nachfrage a) Reiseentscheidungsprozess Der Kauf einer Reise ist das Ergebnis eines komplexen, problemlösenden Entscheidungsprozesses. Dieser umfasst eine Reihe von Teilentscheidungen, die häufig zu unterschiedlichen Zeitpunkten gefällt werden: · Teilentscheidungen erster Ordnung:
(1) Generelle Entscheidung für oder gegen eine Urlaubsreise,
(2) Grobe Festlegung des Reisezeitpunkts,
(3) Dauer der Reise,
(4) Zusammensetzung der Teil­nehmerstruktur/Reisepartie,
(5) Anvisiertes Urlaubsbudget. · Teilentscheidungen zweiter Ordnung:
(1) Reiseart und Urlaubsmotiv,
(2) Landschaftsform bzw. Zielregion. · Teilentscheidungen dritter Ordnung:
(1) konkretes Zielland/Zielort,
(2) Unterkunftsart,
(3) Verpflegungsart,
(4) Verkehrsmittel,
(5) Organisationsform der Reise (selbst organisiert oder über Reiseveranstalter),
(6) Genaue Festlegung der Reisezeit. · Teilentscheidungen vierter Ordnung:
(1) Buchungszeitpunkt,
(2) Buchungsstelle (Reisebüro, In­ternet, ...). Der aufgezeigte Verlauf bei der Entscheidung für eine bestimmte Urlaubsreise ist ohne Zweifel ideal­typisch. In der Realität kommt es oft vor, dass viele der Teilentscheidungen simultan fallen. Bei ihrer Reiseentscheidung treten grosse Teile der Bevölkerung als mündige Verbraucher auf So wird beim Urlaubskomfort ein gewisses Niveau erwartet, das sich an den Gegebenheiten des eigenen Zuhau­ses orientiert. Die gestiegenen Ansprüche umfassen insbesondere einen hohen Qualitätsanspruch, der sich auch bei „Massenzielgebieten” feststellen lässt. b) Reisevolumen Um das Volumen des Tourismusmarktes zu bestimmen, finden verschiedene Kennzahlen Verwendung:
(1)   Reiseintensität,
(2)   Reiseaufkommen in Teilnehmern („Faxe”) bzw. in Reisen,
(3) Umsatz. Die Reiseintensität der Deutschen liegt seit Ende der 1990er Jahre mehr oder weniger konstant bei etwa 75%. Das Reiseaufkommen in Teilnehmern beträgt etwa 50 Mio., die Zahl der längeren Urlaubsreisen liegt bei ca. 65 Mio. p.a.. Die deutschen   Reiseveranstalter führen jährlich 36 Mio. Reisen durch und erwirtschaften damit 22 Mrd. EUR Umsatz.
3. Die Anbieterseite In der Regel ist es eine Vielzahl von Einzelorganisationen, die zum Zustandekommen des touristischen Endprodukts, beispielsweise also einer   Pauschalreise, beitragen. Angesichts der Komplexität der touristischen Leistung erscheint es durchaus gerechtfertigt, von einer „Tourismusindustrie” zu spre­chen. So ist die Tourismusbranche seit 2003 auch im BDI vertreten. Der klassische Weg sowie alternative Formen der Distribution touristischer Leistungen innerhalb dieser touristischen Wertschöpfungskette werden in nachfolgender Abbildung 1 dargestellt:
Tourismusbetriebslehre In den  Destinationen ansässige Zielgebietsagenturen unterstützen oft die Leistungsträger bei der Vermarktung ihrer Leistungen und übernehmen weitere Aufgaben (z.B. Gästebetreuung vor Ort). Als wesentliche Veranstalterfunktionen können die Bereitstellung einer „gebündelten” Problemlösung so­wie die Risikoübernahme gesehen werden. Sie kombinieren also Einzelleistungen zu marktfähigen An­geboten (Pauschalreisen). Das so erstellte, marktfähige Angebot wird schliesslich vermarktet. Träger dieses Prozesses sind i.d.R. die Reiseveranstalter, wobei im Rahmen der Distribution den   Reisemitt­lern (Retailern) eine zentrale Rolle zukommt.
4. Weitere Besonderheiten der Tourismus-BWL Die Spezifika der Tourismusbranche führen auch in anderen Bereichen der Betriebswirtschaftslehre zu Besonderheiten, von denen im folgenden einige erwähnt werden. Eine ausführliche Behandlung dieser speziellen Aspekte der Tourismus-BWL kann an dieser Stelle nicht erfolgen; der interessierte Leser sei auf die fachspezifische Literatur verwiesen:
(1) Im Rahmen des Personalmanagements hat die Perso­naleinsatzplanung damit zu kämpfen, dass z.B. bei Reisemittlern der Arbeitsanfall sehr ungleichmä­ssig und nur schwer vorhersehbar auftritt. Den Reiseleitern als besondere Mitarbeitergruppe kommt eine spezielle Bedeutung zu.
(2) Die (Reise-)Preiskalkulation wird durch die Problematik der Prognose des richtigen Auslastungsgrades bestimmt.
(3) Im Finanzmanagement kommen aufgrund des i.d.R. hohen Auslandsgeschäfts gerade bei Reiseveranstaltern den Möglichkeiten der Devisenabsicherung eine be­sondere Rolle. Während bei kapitalintensiven Teilbranchen der Tourismusindustrie (Airlines, z.T. Hotellerie) die Finanzierungsformen hohe Relevanz haben, verfügen Reiserveranstalter und z.T. auch Reisemittler aufgrund von Kundenanzahlungen, die den Auszahlungen an Leistungsträger um Wochen vorgelagert sind, i.d.R. über eine hohe Liquidität, so dass diese ein besonderes Augenmark auf attraktive Geldanlagemöglichkeiten legen. Entsprechend hoch ist das positive Zinsergebnis in der GuV dieser Unternehinen. Um die Illusion einer kontinuierlich hohen Liquidität zu vermeiden, kommt in diesen Teilbranchen der (kurzfristigen) Liquiditätsplanung eine besondere Bedeutung zu.
(4) Für die Finanz-buchhaltung sind eigene Kontenrahmen entwickelt worden (z.B. Kontenrahmen des DRV (Deutscher ReiseVerband). Diese tragen u.a. dem Umstand Rechnung, dass z.B. bei  Reisemittlern ein grosser Teil der Einnahmen nur durchlaufende Posten (zur Weiterleitung an Reiseveranstalter bzw. Leistungsträger) darstellen.
(5) Für das   Controlling gibt es, neben den üblichen betriebswirtschaftlichen, eine Reihe speziell tourismuswirtschaftlicher Controlling-Kennzahlen.
(6) Die Leistungspolitik kann in ho-hem Masse negative externe Effekte, insbesondere in den  Destinationen, verursachen. Der Ansatz eines sog. Sanften Tourismus (nachhaltiger Tourismus) versucht dem entgegenzuwirken.
(7) Es gibt spezielle Schnittstellen zwischen Tourismus und anderen wissenschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Bereichen (z.B. Tourismuspsychologie, Tourismussoziologie, Tourismus & Gesundheit(spolitik),   Tourismus- & Wirtschaftspolitik).
(8) Eine objektive Bestimmung der Qualität ist im Rahrnen des Qualitätsmanagements kaum möglich.
(9) Dem Reklamations- und Krisenmanagement (z.B. bei Naturkatastrophen, von denen Reisende betroffen sind) kommt eine besondere Bedeutung zu. (10) Dem  Yield Management kommt aufgrund der Auslastungsproblematik und insbesondere bei stark vertikal integrierten Tourismuskonzernen eine besondere Bedeutung zu. (11) Es gibt eine Reihe steuerlicher Besonderheiten (insbes. das Prinzip der Margenbesteuerung im Umsatzsteuergesetz). (12) Es gibt eine Reihe zivilrechtlicher (insbes. Reiserecht (§651 BGB), Insolvenzabsicherungspflicht, Informationsverordnung u.a.) sowie handelsrechtlicher Besonderheiten (Vertragsverhältnis zwischen den Unternehmen auf den unterschiedlichen touristischen Wertschöpfungsstufen, insbes. Agenturvertrags- und Handels-vertreterregelungen zwischen Reisemittler und Reiseveranstalter). (13) EDV-Systeme und Informationstechnologie (insbes. Inhouse-CRS) stellen strategische Erfolgsfaktoren dar, da gerade die als Vermittler tätigen Teile der Branche primär mit Informationen wirtschaften. Hinweis Zu den angrenzenden Wissensgebieten siehe   Dienstleistungen,   Direktmarketing,  E-Commerce,   Globalisierung,  KommunikationspolitikKonsumentenverhalten, Kundenzu-friedenheit,   Marketing, Grundlagen,   Marketing, Internationales,   Marktforschung,   Preispo-litik,   Vertriebspolitik.

Literatur: Hofmann, Wolfgang: (Flugpauschalreise), Die Flugpauschalreise, in: Mundt (Hrsg.), Reise-veranstaltung, S. 123 — 164; Kaspar, Claude: Die Tourismuslehre im Grundriss, Bern/Stuttgart/Wien 1996; Kirstges, Torsten, (Direktmarketing-Ansätze), Direkt zum Kunden - kein leichter Weg, Warum zahlreiche Direktmarketing-Ansätze scheitern, Flops und Tops am Beispiel der Tourismusbranche, in: Direkt Marketing, Zeitschrift für Dialogmarketing und Integrierte Kommunikation, Nr. 11/1995, S. 44 — 46; Kirstges, Torsten: (Expansionsstrategien), Expansionsstrategien im Tourismus, 3. Auflage, Wil-helmshaven 2005; Kirstges, Torsten: (Management), Management von Tourismusunternehmen - Orga-nisation, Personal- und Finanzwesen bei Reiseveranstaltern und Reisemittlern, 2. Auflage, Mün-chen/Wien 2000; Kirstges, Torsten: (Sanfter Tourismus), Sanfter Tourismus - Chancen und Probleme der Realisierung eines ökologieorientierten und sozialverträglichen Tourismus durch deutsche Reise-veranstalter, 3. Auflage, München/Wien 2003; Kirstges, Torsten: (Strukturanalyse 2003), Strukturana-lyse des Reiseveranstaltermarktes 2003: Konsequenzen der Marktkonzentration für den Mittelstand, Wilhelmshaven 2004; Kirstges, Torsten/Lück, Michael (Hrsg.): Global Ecotourism Policies and Case Studies, Perspectives and Constraints, Channel View Publications, Clevedon/New York/Ontario 2003; Kirstges, Torsten/Schröder, Christian/Born, Volker: Destination Reiseleitung, Leitfaden für Reiseleiter aus der Praxis für die Praxis, München/Wien 2001; Luft, Hartmut: Grundlegende Tourismusbetriebs-lehre, Limburgerhof 1996; Pompl, Wilhelm: (Touristikmanagement 1), Touristikmanagement 1 - beschaffungsmanagement, Berlin/Heidelberg/New York 1994; Pompl, Wilhelm: (Touristikmanagement 2), Touristikmanagement 2 - Qualitäts-, Produkt- Preismanagement, Berlin/Heidelberg/New York 1996. Internetadressen: Deutscher ReiseVerband: www.drv.de; Bundesverband mittelständischer Reiseun­ternehmen: www.asr-berlin.de; Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft: www.btw.de; For­schungsgemeinschaft Urlaub und Reisen: www.fur.de; Deutscher Tourismusverband: www.deutschertourismusverband.de;

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